Beim Verbandswechsel

„Es kann nicht einfach sein“, sage ich zu dem Mann, bei dem ich gestern sechs Metastasen heraus operierte. „Nein“, antwortet der Mann, „es ist nicht einfach.“ Der Mann ist mein Jahrgang. „Es muss beschissen sein“, sage ich. „Ja,“, antwortet der Mann, „es ist beschissen.“ „Wir müssen“, sage ich, „wohl miteinander reden.“ „Ja“, antwortet der Mann, […] mehr…

Ohne Bedauern

„Ich hatte zwei Kinder“, sagt die alte Frau, „und das jüngste war erst ein Jahr alt, als mein Mann fiel für Volk und Vaterland. Die beiden aufzuziehen, das war mein Leben und es war nicht einfach.“ „Haben Sie nicht noch einmal geheiratet?“ „Nein, zwei Kinder groß ziehen und arbeiten, das war genug. Da brauchte ich […] mehr…

Über ein Brückengeländer gelehnt

Und Träume geträumt, die ich – vielleicht – nie geträumt habe. Einem Lächeln nachgesonnen, leicht, fein, flüchtig, – vielleicht – nie war. Einem Lied nachgehört, fern, leicht, leise, nie war. Lange über ein Brückengeländer gelehnt. mehr…

Herr Heinrich

Es ist mühsam, bei jedem Schnitt, bei jeder Naht jammert Herr Heinrich. Sicher, das Spinaliom war groß und noch mehr spritzen kann ich nicht. Aber trotzdem. „Wie können Sie so jammern“, brumme ich schließlich, „Sie waren doch bei der Sechsten Armee!“ „Wenn Sie das sagen“, antwortet Herr Heinrich und schweigt für eine Weile. mehr…

Urlaub

„Hatten Sie keine Angst, hätten Sie nicht schreien mögen, wenn Sie, am Ende vom Urlaub zum Bahnhof mußten, wieder zur Front mußten?“ „Angst? Nein, man mußte ja, und ich habe einfach nicht darüber nachgedacht.“ „Hat Ihr Vater nicht geweint?“ „Der war ja auch im Krieg gewesen, vierzehn achtzehn.“ mehr…

Schweigen

„Mein Schulfreund war auch in Buchenwald, und als er zurückkam, hat er nie ein Wort darüber gesagt, nie, auch nur ein Wort, und heute will auch niemand mehr darüber reden.“ mehr…

Mit leeren Händen

„Mein jüngerer Bruder ist zweiundvierzig gefallen, mein älterer noch fünfundvierzig in Polen. Drei Mal Wassersuppe, mehr nicht, jeden Tag; das haben nur wir jüngeren überlebt, die älteren sind alle gestorben, einer nach dem anderen. Malaria tropica, drei Mal verwundet. Und es hat sich doch alles nicht gelohnt!“ „Was lohnt sich überhaupt im Leben“, frage ich […] mehr…

Jahre später

„Irgendwann hat meine Tochter zu mir gesagt: ‚was versuchst du rein zu reden in mein Leben, du hast doch früher auch nie Zeit gehabt für mich, warst doch nie da’ und daran schlucke ich heute noch“, sagt die Angelika, „das kann ich nie vergessen… aber ich mußte doch arbeiten gehen!“ mehr…

Ungereimt

„Ihr Name ist kein vogtländischer“, sage ich zu Herrn K. „Nein, er kommt aus der fernsten Ecke von Ostpreußen. Im Herbst vierundvierzig kam meine Mutter mit mir hierher; ich war damals erst sechs Wochen alt.“ „Und Ihr Vater?“ „Der ist in Stalingrad geblieben.“ „In Stalingrad?“ „Ja, so haben meine Mutter und meine Großmutter es mir […] mehr…

Altes Wort

Einhundert und ein Jahr alt, allein, grenzenlos allein, keine Kinder, kein Enkel (sie war Schwester in einem Stift, bis das aufgelöst wurde von den Kommunisten), alle Freunde, alle Bekannten längst gestorben. „Ach, ich bin so lebensmüde“, sagt sie zu mir, „wie gern würde ich endlich in die Ewigkeit eingehen.“ mehr…