Nach dem Krieg

„Nach dem Krieg haben die Russen alle Parteimitglieder eingesammelt bei uns, und wer die Verhöre in Schleiz überlebte, wurde nach Buchenwald geschickt. Demselben Buchenwald! Nur der Kassierer kam zurück aus unserem Dorf.“ mehr…

Schicksal

„Mein Schwager, der jüngere Bruder von meinem verstorbenen Mann, ist nach einer Feier durch die Saale gewatet; es war nur ein Streich, er passte überhaupt nicht in den Westen. Und nach drei Jahren ist er auch zurückgekommen, aber da haben sie ihn eingesperrt und zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. So war das damals.“ mehr…

Zur Erinnerung

Parteimitglied, Hellseherin, Linkshänderin, Graphikerin, aufgefunden in ihrer Wohnung neun Monate nach ihrem Tod. (der überfüllte Briefkasten war schließlich aufgefallen) Erika John, gescheitert, an fehlender Resonanz heißt es vergessen. Ich weiß nicht, wie sie aussah, ich habe nur Fotokopien gesehen von ihren Fotos von ihrem Schatten. mehr…

In Cossengrün

„Die armen Fische“, sage ich, „bei dieser Kälte. Hier im Teich. Da wäre man ja lieber in einer Bratpfanne!“ Bedächtig stimmt mir das Klärchen zu. mehr…

Märchenstunde

„Seit sechsundvierzig Jahren sind wir verheiratet“, erzählt der alte Mann mit dem verkrüppelten Unterarm, (Zehnte Panzerdivision, vor Moskau, einundvierzig) „und immer waren wir glücklich und sind es noch. Können‘ Sie sich das vorstellen?“ „Nein“, sage ich nur. mehr…

Scherz beiseite

„Ja“, sage ich zu Herrn Eichler, „wenn Sie nicht aufpassen, werden Sie, statt an Ihrem Sarkom zu sterben, an Ihrem eigenen Fett ersticken.“ Sein Bettnachbar, der Herr Hummel, kriegt sich kaum wieder ein vor Lachen. „Das schätzen wir an Ihnen“, antwortet Herr Eichler schließlich, „Ihre klaren Worte.“ mehr…

Nachklang

„Vor elf Jahren starb meine Frau: Zweiundneunzig bekam sie zum ersten Mal Brustkrebs, und dann wieder sechsundneunzig, und als sie achtundneunzig wieder Metastasen hatte, wollte sie sich nichts mehr machen lassen. Ich habe sie mein Leben lang geliebt. Da können Sie sich vielleicht vorstellen, wie sehr ich sie vermisst habe.“ Ich schweige, nicke nur. mehr…

Novemberlied

Das Tal hinabgewandert entlang dem kleinen Bach, wo im Frühjahr rechts und links die Anemonen blühn. Jetzt nur graues Licht hinter Wolkenschleiern. Schlaf nicht zu lange, geliebte Erde. mehr…

Niemand ist schuldlos

„Wir haben doch alle schon Patienten umgebracht, wenn wir ehrlich sind: Ich hatte einen Fabrikanten mit schwerer Depression, seine Firma drohte deswegen pleite zu gehen. Den habe ich mit Medikamenten aus seiner Depression befreit, richtig euphorisch wurde er nach einer Weile. Aber ich hatte Angst, die Antidepressiva abzusetzen, fürchtete einen Rückfall. Er fing dann an, […] mehr…

Hirnschrittmacher

Ich dachte, das sei science fiction,‘ aber mein Freund belehrte mich: „Nein, nein, Hirnschrittmacher werden bei vielen Krankheiten eingepflanzt, beim Parkinson, bei MS. Ich habe schon fünf, sechs solche Patienten…“ „Und?“ „Ja, es geht ihnen besser, nur verflacht sind sie und etwas albern; aber das scheinen sie selbst gar nicht zu merken.“ mehr…